Gemeinsam besuchten Michelle und weitere Ersthelfer die junge Frau einige Tage später im Krankenhaus - Foto: Michelle Okrusch

FLIEDEN Ersthelfer bei Unfall auf A66 im Juni 2021

Michelle Okrusch erhält hessische Rettungsmedaille - "Jeder hätte so gehandelt"

03.05.22 - Es ist ein schwüler Sommertag am 1. Juni 2021 - ein Tag, der Michelle Okrusch wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die 27-jährige Fliedenerin sowie fünf weitere Ersthelfer werden Zeuge, als sich auf der A66 bei Rodenbach im Main-Kinzig-Kreis ein schwerer Verkehrsunfall ereignet. Ein mit Schotter beladener Lastwagen fährt damals nahezu ungebremst auf ein Stauende auf. Zuvor waren zwei Pkw beim Wechseln der Spur zusammengestoßen. Der Verkehr kam zum Stillstand. Insgesamt acht Fahrzeuge waren in den Unfall involviert, zwei gingen in Flammen auf. Ein 26-jähriger Mann aus Steinau an der Straße kommt ums Leben. Weitere fünf Menschen werden verletzt.

Der Unfall am 1. Juni 2021 forderte viele Verletzte Fotos: 5vision media

Michelle befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zur Arbeit. Wie immer herrscht an diesem Morgen dichter Berufsverkehr. Plötzlich staut es sich. Es sind Sekundenbruchteile, in denen der Lkw vor Michelle ungebremst auf das Stauende auffährt. "Der Lastwagen war mit Schotter beladen und hatte daher ein enormes Gewicht. Direkt vor mir prallte er schließlich auf das Ende des Staus. Ich wusste direkt, dass ich anhalten und helfen muss, suchte panisch Warnweste und Handy, um schnellstmöglich den Notruf zu wählen. Man konnte in diesem Moment nicht groß nachdenken, hat einfach funktioniert", so Michelle. 

"Konnte das alles erst später realisieren"

Schnell nahm sie sich gemeinsam mit einigen anderen Ersthelfern der verunglückten Hasret Ötzkar an. Die junge Frau aus Hessen versuchte sich damals mit gebrochenem Bein aus ihrem Auto zu befreien. Gemeinsam sorgten sie dafür, dass Hasret schnellstmöglich aus der Gefahrenzone gebracht wird. Kurze Zeit später geht das Fahrzeug der Frau in Flammen auf. Über die Apple Watch, die Hasret bei sich hatte, war es den Ersthelfern außerdem möglich, den Vater der Verunglückten zu kontaktieren.

Ein 26-Jähriger aus Steinau kam bei dem Unglück ums Leben

"Es ging alles so schnell. So wirklich realisieren konnte ich das alles erst, als ich mich nach über zwei Stunden an der Unfallstelle wieder in mein Auto setzte und mich auf den Heimweg zu meiner Schwester machte. Zuhause brach ich dann in Tränen aus. Erst nach den Gesprächen mit der Polizei wurde mir bewusst, wie schlimm der Unfall war", so Michelle. "Trotzdem fragt man sich bis heute, ob man den 26-jährigen Mann, der bei dem Unfall ums Leben gekommen ist, noch irgendwie hätte retten können. Solche Gedanken kann man nie ganz abstellen". 

Neben Michelle leisteten fünf weitere Ersthelfer ein besonderes Maß an Hilfsbereitschaft. Auch heute hat Michelle noch Kontakt zu den "Schutzengeln", die verstreut im Bundesgebiet wohnen. Einige Tage nach dem Unfall meldet sich Hasret aus dem Krankenhaus. Zwei Wochen später besuchen sie die junge Frau gemeinsam im Krankenhaus. "Wir haben eine WhatsApp-Gruppe und regelmäßig Kontakt. Vielleicht gelingt es auch bald, sich mal wieder persönlich zu treffen", so Michelle. 

Für ihr vorbildliches Handeln erhielt Michelle die Hessische Rettungsmedaille ...Fotos: Michelle Okrusch

"So etwas vergisst man nicht"

Noch heute fährt die 27-Jährige die Strecke regelmäßig. Die Stelle, an der sich das Unglück im Sommer letzten Jahres ereignete, wurde mittlerweile neu asphaltiert. Die Bilder des Unfalls hat Michelle aber noch ganz genau in Erinnerung: "So etwas vergisst man einfach nicht. Jedoch bin ich auch froh, diese menschliche Erfahrung gemacht und durch dieses Schicksal unglaublich tolle Menschen kennengelernt zu haben". Auch Michelles Leben hat sich seit dem Unfall verändert. Die 27-Jährige hält mittlerweile noch mehr Abstand als vorher, ist insgesamt vorsichtiger geworden: "Manchmal sieht man überall 'Beinah-Unfälle', ist insgesamt sensibler im Straßenverkehr". 

"Erste Hilfe war eine Teamleistung"

Für ihr Handeln hat Michelle gemeinsam mit weiteren Ersthelfern vor wenigen Wochen die Hessische Rettungsmedaille verliehen bekommen. "Natürlich ist die Auszeichnung eine Würdigung, über die man sich freut. Ich fühle mich jedoch nicht als Heldin. Jeder hätte so gehandelt. Es gibt so viele Menschen, die tagtäglich Menschenleben retten. Wir als Ersthelfer haben nur das getan, was jeder in so einem Moment tun sollte", zeigt sich Michelle bescheiden. Trotzdem sei die Auszeichnung ein "wichtiges Zeichen, um deutlich zu machen, dass jeder helfen kann".

So kümmerten sich beispielsweise einige Ersthelfer um das Bilden der Rettungsgasse, redeten den Unfallopfern gut zu, informierten Angehörige oder riefen den Notruf: "Es muss nicht jeder Leben retten, manchmal reicht es, einfach nur da zu sein. Wir haben in dieser Situation als Ersthelfer einfach unglaublich gut zusammen funktioniert - das war eine Teamleistung", so die 27-Jährige abschließend. Auch wenn Michelle sich selbst nicht als "Heldin" fühlt - ein positives Vorbild ist sie definitiv. (Lea Hohmann) +++


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